Kreuzwege

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Kreuzwege

Die Straße war bewacht. Ab 21 Uhr zogen Soldaten durch die Stadt. Sperrstunde. Der Mond hing halbvoll am Himmel. Die Wolken zogen an ihm vorüber wie Güterzüge in der Nacht. Ein Nieselregen tanzte im Licht der Laternen. Peck presste sich an den Container. Sein Herz donnerte. Er schwitzte. Stimmen näherten sich. Vielleicht 30 Meter. Von rechts.
»Ich hab dir doch gesagt, du sollst die Finger von der Kleinen lassen.«
»Ja, ja. Der allwissende Jack.«
»Die Tante hatte das Wort Ärger in fetten Buchstaben auf ihrer Stirn tätowiert. Und lesen kannst du doch, oder?«
An ihren Uniformen piepste es zweimal. Ein Licht fing an zu blinken.
»Der Scanner.«
Sie entsicherten ihre Waffen. Lauschten in die Nacht. Jack zeigte auf die Seitenstraße.

Peck schlich drei langsame Schritte zurück. Er hielt den Atem an. Dann drehte er sich in Richtung der Gasse und begann so leise wie möglich zu laufen. Dicht an den Häusern entlang. Er beschleunigte. Wurde schneller und schneller. Rannte um sein Leben. Rannte und rannte. Ein paar Meter vor ihm tauchte eine Einfahrt auf. Mit letzter Kraft bog er ein. Drückte sich an die Wand. Riss nach Luft. Sein Mund war trocken. Die Lunge brannte. Das Keuchen lauter als ein Erschießungskommando. Er schluckte. Und das Schlucken kratzte. Er stützte die Hände auf seine Knie. Sie zitterten. Der Atem wurde ruhiger. Wurde leiser. Er kam zu sich. Es war still. Vorsichtig spähte er an der Hausecke in die Gasse. Sie war leer. Peck sah in die andere Richtung. Sie führte auf eine größere Straße. Keine Soldaten zu sehen. Er lauschte. Konnte aber nichts ausmachen. Überlegte kurz. Schlich weiter. Von einem Hauseingang zum nächsten. In einem Fenster auf der anderen Seite brannte eine Kerze. Pecks Augen tasteten das Fenster ab. Aber der Raum hinter der Kerze blieb schwarz. Er kam an einem ausgebrannten Krankenwagen vorbei, der vom Rost langsam verschluckt wurde. Gute dreißig Meter vor der Kreuzung.
Als er die Straße erreichte, hörte er von links ein Fahrzeug kommen. Der Radius der Scanner lag bei knapp 25 Meter. Peck lief zurück in die Gasse. Duckte sich hinter den Krankenwagen. Kniff die Augen zu. Das Bild von Julie tauchte auf. Sie lächelte. Zwinkerte ihm zu. Das Auto schoss die Straße entlang. Wurde leiser. Und leiser. War vorbei. Peck holte tief Luft. Tastete sich wieder an die Kreuzung heran. Schaute rechts und links. Er sah keine Soldaten, aber es gab mehr Laternen. Gut alle dreißig Meter stand eine. Auf beiden Seiten. Die Straße war ausgeleuchtet wie eine Bühne. Knapp 100 Meter links lag ein Zebrastreifen.

Der Asphalt glänzte. Peck drückte sich an den Häusern entlang. Bis zum Zebrastreifen. Der in eine kleinere Straße mündete. Dort war es dunkler. Er sah sich um. Niemand zu sehen. Er holte tief Luft. Rannte los. Auf der anderen Seite folgte er der kleinen Straße. Die Häuser waren schmutzig und verkommen. Putz bröckelte von den Wänden. So weit er gucken konnte, sah er kein Licht in irgend einem Fenster. Ein Ende der Straße war nicht in Sicht. Käme ein Fahrzeug, er säße in der Falle. Der halbe Mond tauchte aus den Wolken auf. Peck schaute ihn an. Der Niesel hatte aufgehört.

Er war eine Weile der Straße gefolgt, als er an eine kleine Kreuzung kam. Ein alter Baum stand dort. Daran hing etwas. Schaukelte im Licht einer Laterne. Es war ein Mensch. In zerfetzten Kleidern. Der Hals hing geknickt in einer Schlinge. Peck sah in das Gesicht. Er konnte keine Augen entdecken. Ein Mann. Abgemagert bis auf die Knochen. Die Haut voll tiefer Löcher. Die Füße knapp außer Reichweite. Nackte Füße. Kaum noch Haut dran. Vögel. Ja, vermutlich holten ihn die Vögel Stück für Stück. Dachte Peck. Er spähte in alle vier Richtungen. Entschied sich für den linken Weg.

Hier gab es mehr Autowracks an den Seiten. Sie machten die Straße dünner. Peck blieb dicht an den Häusern. Schritt um Schritt. Ohne zu wissen, wo er war. Und ohne zu wissen, wohin. Die Nacht war noch frisch. Gute acht Stunden bis zum Morgen. Der Mond verfolgte ihn. Wie ein treuer Begleiter. Einen, den man sich nicht aussucht. Er ist einfach da und man nimmt es hin. Ist er weg, fällt es nicht weiter auf. Obwohl Peck die Sterne liebte. Aber für die Sterne blieb keine Zeit. In einiger Entfernung stand wieder eine Laterne. Peck sah sich um. Lauschte. Schlich weiter. In dem Hauseingang neben der Laterne schien jemand zu sitzen. An die Wand gelehnt. Peck blieb stehen. Versuchte etwas mehr zu erkennen, als das Licht es zuließ. Nachts sieht man vieles, was falsch ist. Fantasie und Wirklichkeit sind dann zwei Seiten derselben Medaille. Sein Herz klopfte bis in die Ohren. Er machte ein paar Schritte und stand dann direkt davor. Es war ein Kind. Ein Mädchen. Ihr schmutziges Gesicht glänzte im Licht der Laterne. Ein schmales Gesicht. Von Hunger gezeichnet. Kurz geschorene Haare. Sie schlief. Oder war tot. Peck sah sie an. Sie war in eine dicke Jacke gepackt, die viele Löcher hatte. Ihre Hände lagen gefaltet auf ihrem Schoss. Sie schien zu atmen. Aber ganz sicher war er nicht. Wenn sie aufwacht, könnte sie schreien. Trotzdem berührte er ihre Stirn. Sie regte sich nicht. Aber die Stirn war warm. Sie lebte. Schlief tief und fest. Peck überlegte. Wie alt mag sie sein. Vielleicht 11 oder 12. Schwer zu schätzen. Ein Kind würde ihn aufhalten, würde seine Überlebenschance mehr als halbieren. Ein Kind will essen und trinken. Aber es ist ein Kind. Man kann doch ein Kind nicht sich selbst überlassen. Er sah zurück auf die Straße. Seine Augen folgten dem Gehweg, so weit es möglich war. Der Blick verlief sich und wanderte wieder auf das Gesicht der Kleinen. Er streichelte ihre Wange. Lächelte. Als sie plötzlich die Augen aufriss. Peck hielt den Atem an. Sie drückte sich fester an die Wand. Das Weiß ihrer Augen leuchtete im Licht der Laterne. Aber sie schien keine Angst zu haben. War nur überrascht.
»Ich heiße Peck. Wie heißt du?« Sie antwortete nicht. Sah ihn nur an.
»Willst du mit mir kommen?« Sie schüttelte den Kopf.
»Leben deine Eltern noch?« Sie schüttelte wieder den Kopf.
»Hast du irgend jemanden, der dir helfen kann?« Sie zögerte.
»Geh weg.«, sagte sie mit einer Stimme, die hell, aber hart klang und kaum kindlich.
»Ich kann dich doch hier nicht allein lassen. Soll ich dich irgendwo hinbringen?«
»Geh weg.«
Peck sah sie an. Er griff in seine Jackentasche. Zog ein trockenes Brötchen heraus und gab es ihr. Sie nahm es und drehte es in ihren Händen hin und her.
»Komm doch mit mir. Dann sind wir beide nicht mehr so alleine.« Sie schüttelte wieder den Kopf.
»Ich bin zu müde.«
»Ich kann dich tragen.«
»Lass mich in Ruhe.«, sagte sie mit einer Stimme, die man hat, kurz bevor man schreit.
»OK. Ich geh dann jetzt wieder. OK?«, flüsterte er. Dabei hob er seine Hände beschwichtigend in die Höhe. Und die Kleine schloss ihre Augen. Er überlegte. Sah sie noch einmal gründlich an. Sie schien schon wieder zu schlafen. Das Brötchen lag ruhig in ihren Händen. Peck lauschte in die Nacht. Spähte in die Straße. Und zog weiter.

Der Mond schob sich durch die Wolken. Peck spürte seine Knochen. Die Füße schmerzten. Er kam an eine Seitenstraße. Sah hinein und folgte ihr. In einiger Entfernung tauchten Bäume auf. Vielleicht ein Park. Er zögerte. Vor den Bäumen zog ein Weg entlang, der sich rechts und links ins Ungewisse auflöste. Der Park war umzäunt. Aber der Eingang war frei. Peck trat ein. Eine Wiese. Etwa so groß wie ein Fußballfeld. Von Bäumen umgeben. Auch auf dem Rasen standen einzelne Bäume. Das Mondlicht spielte in den Kronen. Peck sah eine Bank. Er steuerte sie an. Ließ sich nieder. So viel Natur hatte er nicht erwartet. Die Bäume standen majestätisch in der Nacht. Es sah aus, als streckten sie ihre Äste in den Mond. Im leichten Wind tanzten sie und schoben die Wolken dahin.
Peck fühlte, wie eine große Schwere in ihn einströmte. Müdigkeit, die an den Tod erinnerte. Eine Brise ging über ihn hinweg, wie eine Mutter, die sanft ein Schlaflied singt. Ein Traum. Alles nur ein Traum. Die Augen dürfen nicht fallen. Oder man wacht auf. Und für eine Sekunde brechen sie ein. Lösen sich auf, wie das Licht in der blauen Stunde. Und alles scheint gut. Alles Moment. Aber die Ewigkeit muss warten. Ein Geräusch. Peck war da. Sah sich um. Konnte nichts erkennen. Es blieb still. Der Traum im Traum. Er stand auf. Lief über die Wiese zur anderen Seite des Parks. Das Gras fühlte sich weich unter den Füßen an. Ein schmaler Schotterweg führte auf das Tor zum Ausgang. Seine Schuhe knirschten. Mit jedem Schritt.
Die Straße war schmal. Wie eine Einbahnstraße. Peck schaute in beide Richtungen. Entschied sich für den rechten Weg. Folgte ihm. In einiger Entfernung tauchte auf der linken Seite ein Gebäude auf, das für sich stand. Er zögerte. Lief weiter. Es war eine Kirche. Sie schien alt und verlassen. Der Platz rund um die Kirche war voller Autowracks. Wie ein Labyrinth aus Rost. Ein Friedhof der Zeit. Peck stand davor. Schaute auf den Eingang. Konnte aber nicht viel erkennen. Durch die Autos gab es kein hindurch. Er kletterte auf das Erste. Sprang dann von Dach zu Dach bis zum Treppenaufgang des Eingangs. Die braune Holztür war zu. Er stieg vom Wagen. Drückte die Klinke runter und schob die Tür auf. Und erschrak. Vor dem Altar brannte eine große Kerze. Die Kirche war klein. Die meisten Bänke waren weg. Überall lag Schutt und Zeug. Wer zündet hier eine Kerze an? Wie lange mochte sie schon brennen? Pecks Augen wanderten durch das Schummerlicht. Es war still. Rechts neben dem Altar stand ein riesiges Holzkreuz. Ein Stück weiter war eine Tür. Peck schlich darauf zu. Legte sein Ohr daran. Hörte nichts. Vorsichtig öffnete er sie. Die Sakristei. Kaum etwas zu erkennen. Er tastete die Wand an der Tür ab. Ein Lichtschalter. Er drückte ihn. Es blieb dunkel. Seine Hand fuhr weiter die Wand entlang. Ein Schrank. Er fühlte einen Knauf. Zog daran. Verschlossen. Neben dem Schrank konnte er eine Schublade ertasten. Er zog sie auf. Fasste hinein. Spürte ein kleines Päckchen. Nahm es. Streichhölzer. Schüttelte es. Noch welche drin. Er nahm eins raus und stich es an. Sah sich um. Ein weiterer Schrank. Ein Tisch. Der Raum war klein. In der Schublade entdeckte Peck einen Kerzenstummel. Zündete ihn an. Blies das Streichholz aus. Der zweite Schrank war zwar offen, aber leer. Unter der Schublade waren drei weitere. Nichts drin. Er schlich zurück ins Kirchenschiff. Vor dem Kreuz blieb er stehen. Seine Hand fuhr über das Holz. Der Blick wanderte die Planke entlang. Die Querbalken rechts und links. Und wieder zurück. Das Kreuz war in den Boden eingelassen. Mit leichtem Spiel. Peck trat vor die Kerze. Alpha und Omega. Gute 40 cm. Die Flamme flackerte gelegentlich. Stand sonst aber ruhig und friedlich. Er wunderte sich, dass die Fenster alle noch drin waren. Sogar heile, wie es schien. Nur wer kam hier her, um eine Kerze anzuzünden?

Aus der Ferne tauchte ein Geräusch auf. Erst leise. Wie ein Motor. Es schien sich zu nähern. Ein Tuckern, das mit jedem Atemzug lauter wurde. In Pecks Kehle wurde es eng. Ein Hubschrauber. Für einen Moment war er wie gelähmt. Bekam kaum Luft. Die Knie wurden weich. Eine Hitze breitete sich in ihm aus. Er sah sich um. Suchte nach einer weiteren Tür. Fand keine. Er lief zum Eingang. Schaute raus. Niemand zu sehen. Aber der Hubschrauber war jetzt ganz in der Nähe. Bis auf die Straße würde er es nicht mehr schaffen. Er taumelte zurück zum Altar. Setzte sich davor. Lehnte sich an. Vielleicht fliegt er vorbei. Peck zog die Knie an seinen Körper. Legte die Arme darauf. Schloss die Augen und flehte. Wie viele Gebete waren hier schon zum Himmel geschickt worden. Der Hubschrauber folg jetzt genau über der Kirche.
Der Lärm war höllisch. Keine 30 Meter. Wärmebilder und mehr. Peck saß in der Falle. Am Ende finden sie jeden. So hieß es. Und je mehr diese Wahrheit sich in ihm ausbreitete, je mehr er sein Herz spürte, desto ruhiger wurde er. Julie wanderte durch sein Gehirn. Lächelte ihn an. Eine Liebe ist wie ein Versprechen an den Augenblick. Sagte sie immer. Und ohne es zu merken, lächelte er. Der Hubschrauber flog einmal um die Kirche. Aber er blieb. Hing in der Luft wie ein Engel der Nacht. Der Krach ließ den Boden vibrieren. Und ein Kribbeln wanderte durch Pecks Körper. Er war bereit.
Und dann drehte der Hubschrauber ab. Der Lärm löste sich langsam auf. Verschwand in der Ferne. Draußen erklang eine Stimme. Peck hörte schwere Schuhe über die Autos laufen. Dann sah er ein grelles Licht. Es schien direkt in seine Augen. Blendete ihn. Er hielt die Hand davor.
»Hier ist der Hund.«, rief eine Stimme. Weitere Lichter folgten.
»Bleib genau da sitzen und keine Bewegung.«
Peck rührte sich nicht. Er sah sich von Lichtern umgeben, die auf ihn zielten. Einer der Männer kam auf ihn zu. Stand wie ein Riese vor ihm. In schwarzer Montur. Helm auf dem Kopf. Schwere Stiefel. Gewehr im Anschlag.
»Ich habe nichts verbrochen.«, sagte Peck.
Der Soldat drehte sich zu den Männern.
»Er hat nichts verbrochen.«, sagte er und alle lachten.
»Du bist ein Ausgestoßener. Du hast dein Leben in der freien Welt verwirkt. Und hier ist die freie Welt. Du hast hier nichts zu suchen. Du bist ein Problem am falschen Ort.«
»Freie Welt.«, sagte Peck und lachte. Der Soldat drehte sich wieder um.
»Der findet das lustig.«, sagte er, »Was sollen wir mit ihm machen?«
»Knall ihn ab, Chef.«, sagte einer der Männer.
»Hm, wo bleibt denn da das Vergnügen?«, sagte er und drückte Peck den Gewehrlauf auf die Stirn.
»Ich kann Dreckskerle wie dich nicht leiden. Los, steh auf.«
Peck hob sich langsam hoch. Umgeben von Licht. Er sah den Aufnäher mit dem Namen. Schulten hieß der Mann, der vor ihm stand.
»Was machen wir mit dir?«, sagte der und schaute sich um. Betrachtete die Kerze. Sah das Kreuz.
»Was für ein heiliger Ort. Warum bist du hier?« Peck schwieg. Und wie aus dem Nichts schlug Schulten seine Faust mit voller Wucht in Pecks Gesicht. Peck fiel zurück und knallte gegen den Altar. Blieb benommen liegen.
»Hab ich dir erlaubt, eine Pause zu machen?«, sagte Schulten und trat ihm in den Bauch. Die Männer lachten.
»Los, aufstehen.«
Pecks Nase blutete. Und das Blut tropfte auf den Boden.
»Du sollst aufstehen.« Peck schleppte sich hoch. Stand wieder. Atmete schwer. Spürte, wie das Blut aus seiner Nase lief. Die Beine zitterten. Schulten grinste.
»Block, holen Sie mir aus dem Wagen drei Seile, zwei Meter Stacheldraht und die Nagelpistole.«
»Jawohl.«
»Ich meine, wenn wir schon einmal hier sind.«, sagte Schulten und lachte. Und die Männer fielen in das Lachen mit ein.
»Du ziehst dich jetzt aus. Bis auf die Unterhose.«
Peck sah ihn an. Fünf Sekunden. Dann schlug die Faust in seinem Magen ein. Er klappte zusammen. Sah das Blut auf dem Boden.
»Ausziehen, hab ich gesagt.«
Peck zog seine Jacke aus. Den Pullover. Er setzte sich auf die Stufe. Schnürte die Schuhe auf. Zog sie aus. Dann die Socken. Stand mühsam auf. Öffnete den Gürtel und ließ die Hose fallen. Streifte sie mit den Füßen ab. Blieb stehen. Im Scheinwerferlicht der Gewehre. Schulten lachte.
»Na bitte. Geht doch.« Er drehte sich zu den Männern. Zeigte auf drei.
»Ihr holt mir das Kreuz her.«
Die drei gaben ihre Gewehre an die Kameraden. Traten vor das Kreuz und zogen es heraus.
»Hier, vor die Stufen.« Sie trugen es rüber. Block kam zurück.
»Alles gefunden?«
»Jawohl.«
»Schön. Ihr drei haltet den oberen Teil hoch. Block, sie flechten aus dem Stacheldraht eine Krone.« Dann schaute er auf Peck.
»Wenn der Herr bitte Platz nehmen möchte.«
Peck schluckte. Blieb stehen. Sah Schulten in die Augen.
»Das könnt ihr nicht machen.«, sagte er. Seine Stimme zitterte. Schulten lachte.
»Du wärst erstaunt, was wir alles können. Und jetzt setz dich auf den Balken.«
Peck sah auf die Männer. Es waren zu viele. Sie konnten mit ihm machen, was sie wollten. Er stieg mit seinem linken Bein über den Balken und setzte sich.
»Braver Junge. Und jetzt leg dich hin. Mach‘s dir gemütlich.«, sagte Schulten und drückte Pecks Oberkörper auf das Holz.
»Tom, schnapp dir die Beine. Binde sie fest. Richtig fest. Pete, die Arme. Und genauso fest.«
Die beiden schnappten sich die Seile. Schnürten sie fest, dass das Blut in den Adern stockte. Tom fesselte von den Knöcheln bis unter die Knie. Schnitt den Rest des Seiles mit dem Messer ab. Die Arme wurden bis zu den Handgelenken geschnürt. Nur die Hände blieben frei. Pecks Blick wanderte an die Decke. Dann schloss er die Augen. Beine und Arme konnte er nicht mehr rühren. Verlor das Gefühl.
»Sehr schön.«, sagte Schulten, nahm die Nagelpistole und schaute in die Runde. »Im Namen des Herrn und so weiter.«
Er setzte die Pistole auf Pecks linke Handfläche und drückte ab. Peck schrie auf. Und die Schreie halten durch den Raum. Schulten schoss ein zweites und drittes Mal. Legte die Pistole an das Handgelenk. Drückte ab. Peck brüllte. Tränen strömten aus seinen Augen.
»Halt die Fresse.«, schrie Schulten und schlug die Pistole in Pecks Gesicht. Der verstummte. Stöhnte still vor sich hin.
»Im Namen Gottes.«, rief Schulten und setzte die Pistole an die rechte Hand. Tock, tock, tock, tock. Peck schrie die letzte Kraft aus sich raus. Verlor das Bewusstsein. Aber nur kurz. War wieder da. Hörte die Männer lachen. Merkte, wie Schulten die Pistole an seinen rechten Fuß presste. Dann dreimal abdrückte. Dasselbe Spiel auf der linken Seite. Der Schmerz rannte durch den ganzen Körper. Peck schnappte nach Luft. Sah die Welt sich auflösen. Weinte.
»So, und ab hier improvisieren wir ein wenig.«, sagte Schulten. Er setzte die Pistole auf die rechte Kniescheibe und drückte ab. Dann die linke. Er schaute Peck ins Gesicht.
»Das hattest du nicht erwartet, stimmt’s.«
Peck versuchte zu lächeln. »Vater, vergib ihnen …« Schulten lachte laut auf.
»Ups. Das hatte ich nicht erwartet.«, sagte Schulten und grinste.
»Block, setz ihm die Krone auf.« Der nahm den gebundenen Stacheldraht und drückte ihn tief in das Fleisch. Das Blut lief an Pecks Stirn herunter. Es brannte.
»Perfekt.«, sagte Schulten, »Und jetzt schafft ihn hoch.« Er nickte seinen Männern zu. Sie schleiften das Kreuz bis zu dem Loch im Boden. Ließen es ein. Stellten es auf.
»Sitzt, wackelt und hat Luft.«, sagte Schulten und alle lachten.
Peck sah die Schatten an den Wänden. Sie tanzten. Vermischten sich mit den Stimmen. Sein Körper war nur noch Schmerz. Die Soldaten standen vor ihm. Machten Witze.
»Das sieht ja fast echt aus.«, sagte einer. Ein anderer drückte seine Zigarette an Pecks Fuß aus.
Schulten hob seinen Arm.
»OK Männer. Das war’s. Die Show ist vorbei. Wir hatten unseren Spaß. Aber jetzt ist es Zeit zum Abrücken. Sammeln und in die Wagen.«
Sie zogen ab. Einer nach dem anderen. Bis der Letzte aus der Tür war. Peck hörte, wie sie über die Autowracks liefen. Er verlor das Bewusstsein.
Als er wieder zu sich kam, war es still. Er schaute zur Kerze rüber. Sie brannte ruhig und gleichmäßig. Er hatte kein Gefühl mehr in seinen Armen und Beinen. Das Herz klopfte in den Wunden. Alles war Schmerz. Sein Blick wanderte zur Decke. Er sah Julie. Klar und deutlich.
»Eine Liebe ist wie ein Versprechen an die Ewigkeit.«, sagte sie. Und er lächelte.


© Ulrich P. Hinz

Foto von Yura Forrat

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