Mit dem Duke durch New York (Kurzprosa)

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Im Treppenhaus roch es nach Hähnchen. Du bist zusammen mit dem Kind bei der Geburt gestorben. Er kam an der Wohnung der Deckers vorbei. Herr Decker hatte wieder am Grillwagen gekauft. Der, der manchmal vor dem Baumarkt stand. Hähnchen und Haxen gab es da. Frisch vom Drehspieß. Gar nicht mal teuer. Die Deckers schwärmten davon. Jeden Dienstag. Für den schweren Wintermantel war es noch zu früh. Er trug in trotzdem. Drückte seine Schuhe auf die knarrenden Stufen. Die Hand am Geländer. Er liebt es, sie über das glatte Holz gleiten zu lassen. Die Vorstellung, Vater zu werden, hatte er auch geliebt. In der dritten Etage hörte er Frau Heinze sagen: „Ich habe Rosenkohl gekauft am Donnerstag!“ Laut und akzentuiert. Die Kaiserin hörte zu. Er stoppte. Wollte umdrehen. Aber die Kaiser sagte: „Ich habe Milch auf dem Herd.“ Warten. Kurze Verabschiedung. Dann gingen die Türen zu. Und er weiter. Im vierten Stock lag seine Wohnung. Er zog den Schlüssel aus der Manteltasche und schloss auf. Alles war wie immer.

Die Zeit nach der Beerdigung war ruhig verlaufen. Kaum Anrufe. Wenig Post, der üblichen Werbekram. Ihre Eltern konnten ihn nicht leiden. Seine waren tot. Gemeinsame Freunde gab es nicht. Alles war noch ganz frisch gewesen. Im März ist sie eingezogen. Am 8. Juli gestorben. Er ging in die Küche. Setzte einen Kaffee auf. Die Kaffeemaschine hatte sie mitgebracht. Die erste gemeinsame Zeit. Er sieht sie am Küchentisch sitzen. Die Tasse für Morgenmuffel in beiden Händen. Ein Frühstückslächeln als Gegenbeweis. Er zog den Mantel aus. Hängte ihn über einen der Küchenstühle. Setzte sich. Starrte auf die gelbe Tischdecke aus glänzendem Plastik. Rutschfest und glatt. Kleckern war hier kein Problem.

Er stand auf. Ging zum Kühlschrank und nahm die Kaffeesahne. Ein Schluck in die Tasse. Etwas Zucker. Kaffee drauf und umrühren. Zurück an den Tisch. In der Manteltasche steckten Notizbuch und Füller. Wir könnten ein Gedicht schreiben. Aber sein Kopf war zu voll für Gedichte. Der Kaffee tat gut. Die letzte Dusche war drei Tage her. Das störte ihn nicht. Im Urlaub durfte man das. Im Jahresurlaub sowieso. 25 x 24 Stunden Freiheit. Er stand auf und ging ins Schlafzimmer. Stellte sich vor die Kinderwiege. Es war ein Junge. Wenn auch nur kurz. Hendrik wird auf dem Grabstein stehen. Hendrik und Charlotte. Seine Hand fuhr über das Holz. Die Augen auf dem Kissenbezug. Blau mit Sternen. Ein Versuch zu lächeln. Der Blick porös. Durch das Fenster kam die letzte Abendsonne. Er ließ die Jalousie herunter. Ging ins Wohnzimmer an das CD-Regal. Sie liebte Jazz. Duke Ellington zog er raus. Schob die Scheibe in den Player, griff die Fernbedienung und legte sich auf die Couch. Er nahm den „A“ Train. Schloss die Augen. Fuhr mit dem Duke durch New York. Im Rattern der Bahn schlief er ein. Sah Charlotte. Sie tanzte im Wind. Mit ausgestreckten Armen. Drehte im Kreis. Er lief auf sie zu. Und mit jedem Schritt löste sich ein Teil ihres Gesichtes auf. Wurde der Wind stärker. Peitschte ihn aus. Er wollte sie fassen. Mit ganzer Kraft. Wachte auf. Im Blick an die Decke.

Der „A“ Train war angekommen. Zwei Titel schon. Er zog sich hoch. Blieb kurz sitzen. Knipste die Musik aus. Dann schlurfte er zum Telefon. Bestellte eine Pizza. Nr. 33 wie immer. Pizza-Flitz kannte das schon. Das dauert nicht lange. Aus dem Mantel in der Küche kramte er seine Brieftasche. Zog einen Zehner raus und setzte sich. Hoffentlich vergessen die das Schneiden nicht. Beim Betrachten des Zehners fiel ihm ein Schriftzug auf. Mit Kuli geschrieben. „Fuck U“ Er stutze. Legte den Schein auf den Tisch. „Fuck U“ Das Volk der Dichter und Denker. Draußen war es schwarz geworden. Im Fenster sah er sich sitzen. Spiegelverkehrt. Wenn das Außen zum Innen wird. „Fuck U“ Charlotte hätte die 27 bestellt. Mit Pizzabrötchen und Kräuterbutter. Er öffnete eine Flasche Rotwein. Nahm zwei Gläser aus dem Schrank und goss ein. Auf dem Tisch stand eine Kerze. Mit dem Duft von Rosen. Er zündete sie an. Urlaubsklischee. Ich habe Rosenkohl gekauft am Donnerstag. Das wäre ein Gedicht wert. Der Wein war trocken. Vollmundig im Abgang. Die Türglocke schrie auf. „Fuck U“

© Ulrich P. Hinz

 

Foto von Kaique Rocha

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