Die Gedanken der Rosen (Kurzprosa)

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Sie hatte 12 Jahre gewartet. Plan um Plan geschmiedet. Sich darauf vorbereitet. Im Geheimen. Ohne es zu wissen. Verborgene Gedanken. Unbewusste Gedanken. Niemals ausgesprochene Gedanken. Wird ein Gedanke realer, wenn man ihn ausspricht? Er wusste nichts. Hatte keine Ahnung. War mit sich und der Welt zufrieden. Doch wenn eine Welt erst einmal schief steht, wird die Zeit dünner. Wie viele Sekunden in 12 Jahren stecken, lässt sich berechnen. Wie oft ein Herz in 12 Jahren schlägt ebenfalls. Wie viel Schmerz zwischen zwei Herzschlägen liegt, ist relativ.

Sie saß am Küchentisch. Beide Hände um eine Kaffeetasse gewickelt. Halbvoll und nicht mehr ganz heiß. Die Plastiktischdecke hatte Rosen drauf. Ihre Lieblingsblume. Wie viele Rosen man in 12 Jahren bekommt, hängt von mehreren Faktoren ab. Sie erschrak als der Toast nach oben sprang. Ihr Blick im glänzenden Metall. Sauber poliert. Ohne viel Aufwand für sich allein. Im Ganzen betrachtet nahezu unmöglich. Wenn eine Hand nach etwas greift, geschieht das meistens willentlich. Das Stück Butter, das sie abschnitt war klein. Reichte aus, um fast alles zu bedecken. Eine Scheibe Salami rundete das Gemälde ab. Der Wunsch, Vegetarier zu werden, braucht Zeit. Als sie reinbiss kam irgendeine Erinnerung hoch. Die sie nicht zuordnen konnte. Und die so schnell wieder verschwand, dass es fast im selben Moment noch vergessen war. Kauen und schlucken. Mit Kaffee nachgespült. 

Draußen wurde es heller. Ein normaler Tagesablauf besteht aus zahlreichen Routinen. Ihr Tagesablauf hatte sich verändert. War abgerutscht. Hatte sich verrückt. Wie viel sich um die eigene Achse dreht wird erst dann deutlich, wenn eine Schieflage nicht mehr zu leugnen ist. Wenn die Zahnräder die sonst problemlos in einander greifen, anfangen zu scheuern. Sie konnte es hören. Am Anfang noch leise. Aber wie jeder Tinnitus im Laufe der Zeit und mit steigender Konzentration darauf immer lauter wird, so auch die Nebengeräusche einer Seele. 

Sie stand auf. Schloss die Besteckschublade. Schaute aus dem Fenster. Der Blick aus dem dritten Stock auf die Straße einer Großstadt war niemals derselbe. Weder für sie, noch für die Stadt. Obwohl es beruhigende Konstanten gab, an denen sie sich festhalten konnte. Der Rest war wie Treibholz. Zog unbeteiligt vorbei. Blieb außen vor. Existierte nur durch ihre Beobachtung. Und schien für den Moment doch real. Sie kippte das Fenster. Schlurfte zum Tisch zurück, nahm den Teller und legte ihn in die Spüle. Drehte das Wasser auf, ließ es auf den Teller laufen. Drehte wieder zu, griff die Kaffeekanne und goss ihre Tasse noch einmal voll. Dieses Geräusch liebte sie. Genauso wie das Gefühl wenn der Kaffeeduft in ihrer Nase ankam. Dann schloss sie die Augen, nahm zwei, drei tiefe Atemzüge. Verteilte es auf den ganzen Körper. So ähnlich muss sich Glück anfühlen. Dachte sie und stellte die Kanne wieder in die Maschine. Knipste den roten Schalter und ging ins Schlafzimmer.

Bei Licht betrachtet ein trauriges Bild. Sie zog die Jalousie hoch. Öffnete das Fenster. Die Betten waren ungemacht. Der Geruch in diesem Zimmer tötete die Erinnerung an den Kaffeeduft. Sie hasste diesen Geruch. Wie lange schon, das wusste sie nicht mehr. Aber ein solcher Geruch bildet sich über Jahre. Und ist selbst durch ein offenes Fenster oder sonstiges Aromazeug nicht mehr heraus zu bekommen. Wenn die Zeit zu stinken beginnt, was bleibt dann noch? Dachte sie und öffnete den Kleiderschrank. In dem der selbe Geruch klebte. Weniger intensiv. Lavendelsäckchen sollten die Motten vertreiben. Für einen Kleiderschrank mag das funktionieren. Bei einem menschlichen Herz liegt die Sache anders.

Poröse Herzen haben viele Ursachen. Ihr Blick wanderte durch den gesamten Schrank. Dann griff sie zu. Was nötig war, warf sie auf ihr Bett. Gut sortiert. Wenig im Vergleich. Unter dem Bett lagen zwei Koffer. Ein großer und ein kleiner. Sie zog den Kleinen hervor. Die Dicke einer Staubschicht lässt sich messen. Sie legte ihn auf seine Seite des Bettes. Wischte mit der Hand den gröbsten Teil des Staubs ab. Öffnete die beiden Verschlüsse und klappte den Deckel hoch. Die Klamotten verteilte sie grob. Und ging dann ins Bad. Schaute sich gründlich um. Nahm was sie brauchte und packte es zu den Klamotten in den Koffer. Alles passte. Deckel zu. Klappen runter. Sie trug ihn in die Küche.
Der Kaffee war kalt geworden. Trotzdem nahm sie noch einen Schluck. Auf dem Tisch lag ihr Schlüsselbund. Sie stellte die Tasse ab und griff nach den Schlüsseln. Öffnete den Bund und legte den Haustürschlüssel auf eine Rose. Den Briefkastenschlüssel auf eine andere Rose. Schloss den Bund wieder und steckte ihn ein. Ihre Hand wickelte sich um den Koffergriff. Und der Weg zur Garderobe kam ihr länger vor. Sie zog den Mantel an. Kramte das Portemonnaie aus der Innentasche. Alles an seinem Platz und wieder verstaut. Sie drückte die Klinke. Öffnete die Tür. Hielt den Koffer. Im Hausflur dämmerte es noch. Die freie Hand umfasste den Knauf und zog leise zu.
 

© Ulrich P. Hinz

 

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