Die Sache mit dem Tod (Kurzprosa)

  • Beitrags-Autor:
  • Beitrags-Kategorie:Kurzprosa
  • Lesedauer:7 min Lesezeit

Es gab Tage, da hielt er sich für extrem sterblich. Obwohl kein besonderer Grund vorlag. Nächstes Jahr wäre er 45 geworden. So spricht man über Tote. Das war sein Leben. Potentiell halb rum. Seine Großmütter hatten beide die 90 überschritten. So betrachtet also generell möglich. Seine Großväter waren weniger erfolgreich. Wenn man in einem solchen Zusammenhang von Erfolg sprechen kann. Der eine hatte nicht einmal die 60 geschafft. Der anderen war kurz vor der 80 gescheitert. Wenn man in einem solchen Zusammenhang von Scheitern sprechen kann. Aber sprechen kann man ja über vieles. Zusammenhang hin oder her. Das ganze Leben ist bekanntlich nicht mehr als eine Aneinanderreihung von multiplen Zufälligkeitsveranstaltungen. Aber an Zufälle glaubte er nicht. Das einzige woran er wirklich glaubte, war der Tod. Wobei er immer wieder beteuerte, dass es mit dem eigenen Tod so eine Sache ist. Denn letztendlich oder schlussendlich oder wie auch immer, ist das eigene Sterben nicht sicher gestellt. Die Wahrscheinlichkeit dessen ist hoch. Aber eben nur hoch. Das würde vielleicht ausreichen, um einen Monatslohn darauf zu setzen. Mindestens einen Monatslohn. Und natürlich reichte sein Realsinn, davon sprach er gelegentlich, selbst wenn ihm alle sagten, das Wort gäbe es so nicht, jedenfalls reichte dieser Sinn aus, um die These aus einer heiteren Perspektive zu betrachten. Sprich, das absurde darin oder daran lustig zu finden. Auf den Punkt gebracht: Es für absoluten Schwachsinn zu halten.

Und dennoch. Um uns herum sterben die Menschen wie die Fliegen. Sagte er oft. Aber halt immer nur die anderen. Ein berühmter Philosoph hatte mal erwähnt, dass die Tatsache, dass auch morgen die Sonne wieder aufgeht, in letzter Konsequenz nicht beweisbar ist. Und diese These ist mehr als eine bloße Wettervorhersage. Könnte man meinen. Sollte man meinen. Noch so eine Monatslohnwahrscheinlichkeit. Kausalitätsgequatsche. Suppenküchenmagie. Und genau das hielt er für das eigentlich Gefährliche an der Philosophie. Dieses Philosophenpack starrt konsequent in den Himmel, um dann in irgendwelche imaginäre Löcher zu fallen. Am besten noch schwarze Löcher. Da wird dann hemmungslos nach oben, unten oder auch in alle sonst noch möglichen Richtungen gefallen. Aber am Eigentlichen geht es vorbei. Meilenweit. So wie die meisten Himmelskörper, Kometen und das ganze andere Gesocks an der Erde vorbeigehen. Möchte man meinen. Er sah das natürlich vollkommen anders. Da er jeden Menschen für ein eigenes Universum hielt, quantentechnisch betrachtet, vielleicht auch interdisziplinär, aber ganz sicher war er da nicht. Auf jeden Fall ging mit jedem Tod ein Universum zugrunde. Im Großen und Ganzen war es vielleicht nur ein einzelner Stern, der sterbend betrachtet werden konnte. Aber für den Sterbenden selbst ging die Welt unter. Wobei seine Thesen natürlich in letzter Konsequenz, vielleicht auch schon viele Konsequenzen vorher, nicht haltbar waren, gab es doch immer wieder gute Gründe, die ihn daran glauben ließen. Aber seinen Glauben trägt man ja für gewöhnlich in die Kirche. Und eine Kirche ist in der Regel der Fälle ein schönes Gebäude.

An solchen Tagen, an denen er sich für so sterblich hielt, dachte er immer wieder über den Tod nach. Eigentlich dachte er fast täglich daran. Um genau zu sein, war es täglich. Aber dieses ganze Philosophengequatsche, dieser aufgeblähte, überkandidelte, sich selbst für das einzig Wahre betrachtende Durchfallgeschwätz, hatte ihn fest im Griff. Einmal damit angefangen, ist es kaum möglich, jemals wieder aufzuhören. Die wenigen, die es schaffen, damit aufzuhören, sind diejenigen, die nicht verrückt werden. Das wusste er. Und das machte es nicht unbedingt besser. Wie dem auch sei.

Der Tod in all seiner Herrlichkeit machte ihm also zu schaffen. Während andere sich an ihrem kleinseeligen, lächerlichen, vollkommen normalen, geradezu belanglosen Leben vergnügten, spielte er mit dem Tod. In Gedanken. Rein hypothetisch. Interdisziplinär. Ähnlich wie die Kinder im Sandkasten. Wobei er sich noch gut an seine eigene Sandkastenzeit erinnern konnte. Wenn einige Kinder, die Sandlieferanten spielten, die mit einem Eimer um den Sandkasten liefen und riefen: Feiner, guter Sand! Garantiert kein Zuckersand! Er konnte sich noch genau daran erinnern. Ein Junge, den Namen hatte er vergessen, der rief auch immer so. Und als er dann einmal Sand bei ihm bestellte: Ja, hier bitte einmal Sand. Da kippte dieser Bengel doch tatsächlich einen ganzen Eimer Zuckersand auf die im Bau befindliche Burg unseres total geschockten Protagonisten. Lachte dreckig und rannte davon. So eine unerhörte, bodenlose Unverschämtheit. Ja, lauf nur. Du wirst bestimmt mal Politiker.

So kommt man von den ersten realen Lektionen die das Leben einem immer wieder erteilt über einen Sandlieferanten schließlich zur Philosophie. Ohne irgendeine Schuld. Man wird quasi verführt. Aber eigentlich lachen wir ja über solche Sandkastenlieferanten. Und vielleicht ist es genau das, was uns erst zu Philosophen werden lässt. Wobei er immer wieder sagte, dass einzig und allein der Tod, bzw. der Umstand des Todes, noch besser gesagt, die mögliche Tatsache der eigenen Sterblichkeit, der Beginn aller Philosophie ist. So oder ähnlich pflegte er sich auszudrücken. Wenn es wieder einmal soweit war. Und wann ist es das nicht.

Aber diese ganze Universumstheorie hatte sich seltsamerweise doch tief in ihm festgefressen. Wenn man den Wissenschaften glauben kann, sind die Dinosaurier scheinbar durch einen Einschlag von Außen, Asteroid oder so, verendet. Natürlich glaube er nicht daran. Obwohl diese These etwas für sich hatte. So stellte er sich beispielsweise den Zeugungsorgasmus, wie jeden anderen Orgasmus übrigens auch, als eine Art Urknall vor. Wobei er auf die Urknalltheorie keinen Monatslohn setzen würde. Sagte er immer wieder. Wie dem auch sei – wird durch die Vereinigung von Samen- und Eizelle ein neues Universum geschaffen. In all seiner Herrlichkeit. Oder vielleicht auch einfach nur ein neuer Stern. Da gingen seine Überlegungen gelegentlich weit auseinander. Aber mit diesem Universum oder Stern wächst auch ein entsprechender Asteroid oder so heran. Dachte er. Wenn dieser Asteroid dann voll entwickelt ist, beginnt er langsam oder schnell damit, auf dieses Universum oder Stern herabzustürzen. Der Einschlag führt dann zur völligen Auslöschung. Eine Art Selbstzerstörungsmechanismus. Supernova leicht gemacht. Im Bezug auf den Urknall vielleicht so etwas wie ein Endknall. Oder für den eventuellen Fall der Existenz nach der Existenz ein Übergangsknall. Auf jeden Fall genügend Knallpotential und viel zu viele Oder, die ihn an seinem Verstand zweifeln ließen. Und in solchen Momenten wünschte er sich immer wieder in seinen geliebten alten Sandkasten zurück. Vielleicht war sein eigener Asteroid ja auch schon gefährlich nahe. Oder aber einzelne Splitter waren bereits mehrfach in sein Gehirn eingeschlagen. Und das Gehirn war für ihn immerhin das Ende des Universums. Mögliche Folge all dieser Splitter. Vielleicht auch nur eine ganz normale Verrücktheit. Im günstigeren Fall eine philosophische Verspieltheit. Im schlimmsten Fall richtig. Auf jeden Fall keine Monatslohnwahrscheinlichkeit.

Dann kam er immer wieder auf die eigene Sterblichkeit, die ja nicht sichergestellt ist, zurück. Immerhin besteht ja zu einem gewissen, wenn auch sehr geringen Prozentsatz die Möglichkeit, dass er das einzige Wesen auf dieser Welt war, das in der Tat unsterblich ist. Natürlich ist diese These nicht zu beweisen. Allerdings auch nicht zu widerlegen. Jedenfalls nicht, solange er lebte. Und sollte er tatsächlich doch einst gestorben sein, ging ihn die ganze Sache bekanntlich nichts mehr an. Da hielt er es ganz mit Epikur. Und diese Kur, diese Gedankenkur, diese Epikurgedankenkur ließ ihn zumindest jetzt dieses Gefühl der extremen Sterblichkeit genießen. Vielleicht sogar über den Moment hinaus. Und ob morgen die Sonne wieder aufgeht, kann man ja schließlich nicht wissen. Feiner, guter Sand! Garantiert kein Zuckersand!


© Ulrich P. Hinz

 

Foto von Felix Mittermeier

Schreibe einen Kommentar